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Mensch und Technik im Atom-Ei

Der Ausbau - Die Lehrjahre

In der Anlaufphase von Betrieb und Forschung war es vordringlich, in möglichst kurzer Zeit Ausbildungsplätze zu erstellen, um eine ausreichende Zahl von Reaktor-Operateuren, Strahlenschutztechnikern und Handwerkern für einen Dauerbetrieb auszubilden. Der Plan für Operateure und Techniker erscheint heute wie der Studienplan einer Fachhochschule mit den seinerzeit noch neuen Fächern: 

  • Reaktorphysik:
    Kernreaktionen, Kernspaltung, Reaktorsteuerung und Leistungsregelung,
  • Reaktortechnik:
    Regelungstechnik, Wärmetransport, Kühlungsprobleme,
  • Strahlungsphysik:
    Radioaktivität, Strahlenwirkung auf Mensch und Materie, Strahlenmeßtechnik,
  • Strahlenschutz:
    Personendosimetrie, Schutzmaßnahmen, Strahlenfeldkontrollen, Emissionsmessungen,
  • Chemie:
    Strahlenchemie, Korrosion, Wasserreinigung,
  • Elektronik und Elektrik
  • Grundkenntnisse der notwendigen Mathematik und der einschlägigen
    Gesetze, Verordnungen und Vorschriften
  • Sicherung der Anlage

Ebenso waren den Mitarbeitern in technischen Diensten (Wartung oder Wachdienste), in den mechanischen und elektrischen Werkstätten und im physikalischen Meßlabor sowie im Konstruktionsbüro die zutreffenden Kenntnisse aus obigem Ausbildungsplan zu vermitteln.

Letztlich mußten die Reaktoroperateure und Strahlenschutztechniker vor ihren Ausbildern, vor auswärtigen Fachleuten und vor Vertretern der Aufsichtsbehörde theoretische und praktische Prüfungen ablegen, um eine amtliche Lizenz für die Ausübung ihres neuen Berufes zu erwerben.

Angesichts der großen Verantwortung und der geforderten hohen Qualifikation waren als Kandidaten für die Ausbildung nur Fachhochschulabsolventen und Handwerksmeister vorgesehen. Aus diesen Kreisen stammte auch die kleine erste Reaktormannschaft, die dann wesentlich an den folgenden Ausbildungslehrgängen beteiligt war.

Als nach etwa drei Jahren ein großer Teil dieser qualifizierten Gruppe in andere kerntechnische Einrichtungen abgewandert war, mußten neue Anwärter angeworben werden. Damals hatten wir noch die Freiheit, nach eigener Wahl Facharbeiter oder auch nur schulisch oder sonstig beruflich qualifizierte Anwärter für eine Ausbildung einzustellen. Es sei hier vorweggenommen, daß wir diese Ausnahmestellung nicht zuletzt durch die Teilnahme an Tarifverhandlungen erhalten konnten, bei denen unsere Regelungen in den Angestelltentarifvertrag sinngemäß übernommen worden sind. Das gelang uns aufgrund der im folgenden beschriebenen Erfahrungen.

Bewerber für eine Ausbildung und Arbeit in der Reaktorstation kamen Anfang der sechziger Jahre von nah und fern. Von Norddeutschland, von Niederbayern, vom Starnberger See, aus München, aus Garching und, nach Aufforderung, auch aus dem Teil der alten Stammannschaft, der 1956/57 teils von Baufirmen zur Reaktorstation gewechselt hat. Alle Altersgruppen zwischen 20 und 45 Lebensjahren waren mit Facharbeitern verschiedener Berufe vertreten: Elektriker, Schlosser, Maurer, Kraftfahrzeugmechaniker oder Kraftfahrer, Laboranten oder einfach qualifizierte Schulabgänger. An nur wenigen Beispielen soll gezeigt werden, was unsere Ausbilder neben ihrer Arbeit, und was die Operateuranwärter in den zwei Jahren der praktischen und theoretischen Ausbildung geleistet haben. Bei den meisten Anwärtern lag die Schulzeit um Jahre zurück; bei einigen hatte der Krieg Ausbildung oder Berufsarbeit total unterbrochen. Fast alle standen in ihrem Beruf, hatten jedoch das Ziel, mehr und Neues zu lernen und zu erfahren, sei es auch zunächst mit finanziellen Einbußen verbunden, die von den Familien mitgetragen werden mußten. Im theoretischen Denken waren die meisten ungeübt, Kenntnisse in Schreiben und Rechnen entsprachen dem täglichen Bedarf.

Der 26jährige verheiratete Schlosser aus Oberbayern hatte große, schwere Hände von harter Arbeit, sprach und rechnete langsam, zeigte aber ein straffes Gesicht und wache Augen. Auch derentwegen wurde er angenommen. Er mußte täglich insgesamt ca. 60 km als Arbeitsweg zurücklegen, damals ohne S- und ohne U-Bahn. Mit hartem Lernen zwischen Hoffen und Zweifeln, mit Verzicht auf Freizeit und Vergnügen und mit der Hilfe der Familie erreichte er sein Ziel: die Lizenz als Reaktoroperateur. Nicht wesentlich anders erging es seinen 20 bis 30jährigen Kollegen, die alle die schweren Prüfungen gut und sehr gut bestanden hatten. Es war uns und den Ausbildern eine Freude zu beobachten, wie sich unter den harten Anforderungen und Entsagungen die jungen Persönlichkeiten entwickeln und wahrlich "verwirklichen" konnten. Auch die in dieser Zeit schon älteren Mitarbeiter zwischen dem 33. und 43. Lebensjahr, von denen einige Kriegsteilnehmer waren und deshalb keine Berufsausbildung bekommen hatten, sowie diejenigen, die noch ein Handwerk erlernen konnten, stellten sich der Ausbildung zum Reaktoroperateur, und zwar mehr als 20 Jahre nach Abschluß der Schulausbildung. Kaum jemand kann heute ermessen, welche menschliche Hingabe an ein Ziel, welche Willenskraft aufgebracht und welche tiefen Krisen überwunden werden mußten, um zum Ziel zu gelangen. Sie schafften es. Aus ihrem und dem Kreis der Jüngeren gingen dann auch Gruppenleiter und Spezialisten hervor, die durch besondere Leistungen bis in die höchsten Vergütungsstufen für technische Angestellte aufsteigen konnten. Mit ihren vielseitigen Kenntnissen und Erfahrungen, mit ihrer hervorragenden Zuverlässigkeit und durch vorbildliche Zusammenarbeit haben sie im Verborgenen zu den Ergebnissen und Erfolgen beigetragen, über die an einem Jubiläum berichtet werden kann.

RE SPITZ
KUPPELAR
KASTEN
EIMESSEN
EINGTUER

Parallel zu der seit 1958 kontinuierlichen Ausbildung des Personals wurden zahlreiche Experimentieranlagen errichtet, der volle Forschungsbetrieb aufgenommen, der Reaktor technisch ausgebaut sowie die personelle Infrastruktur für einen Drei-Schicht-Betrieb geschaffen. Im ersten Jahrzehnt konnte die Reaktormannschaft allein mit den eigenen Mitteln die Reaktorleistung von 1 MW im Jahr 1966 auf 2.5 MW erhöhen und 1968 auf 4 MW.4, 5

Am Ende des ersten von vier Jahrzehnten FRM stand der Technischen Hochschule ein leistungsfähiges und erfolgreiches Großforschungsgerät im Garchinger Gelände zur Verfügung. Zu dessen Betrieb waren 63 Mitarbeiter (9 Akademiker, 2 Verwaltungsangestellte, 45 Techniker und 7 Arbeiter) eingesetzt, die jährlich etwa 230 außerbetriebliche Nutzer zu bedienen und zu betreuen hatten.