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Kernphysik im Westen Deutschlands zwischen 1945 und 1955
Die Besatzungszeit bedeutete einen wesentlichen Rückschlag für die hochentwickelte deutsche Kernphysik, die vor dem Zweiten Weltkrieg führend gewesen war. Sie hatte eine Reihe von Nobelpreisträgern - Werner Heisenberg (1932), Erwin Schrödinger (1933), Max Born (1954), Walther Wilhelm Georg Bothe (1954) - hervorgebracht.16 Nach Kriegsende waren die Laboratorien entweder zerstört oder ausgeplündert. Führende Wissenschaftler wurden durch Gefangenschaft oder andere Hindernisse an der Wiederaufnahme ihrer Arbeit gehindert. Ein Teil der Wissenschaftler, Institute wie auch Uranvorkommen (so Annaberg im Erzgebirge) befand sich unerreichbar in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ).
Außerdem durfte sich die deutschen Wissenschaft nicht mehr mit angewandter Kernphysik beschäftigen. Sicherheitskommissionen der Alliierten wachten über die Einhaltung des Besatzungsstatuts und forderten regelmäßige Berichte an. Fachleute wie Nachwuchstalente gingen folglich ins Ausland, vor allem in die USA und nach Großbritannien. Nur wenige Studenten wandten sich dem Fach Kernphysik zu. Ende Februar 1947 prangerten Professor Dr. Otto Hahn und der Präsident der Universität Göttingen, Professor Dr. Friedrich Rein, in einem gleichnamigen Zeitungsartikel den "Gelehrtenexport nach Amerika" an, der bei den Alliierten Befremden auslöste.17 Professor Dr. Werner Heisenberg (1901-1976) zählte 1955 nur 50-60 Kollegen in der Bundesrepublik Deutschland.
Doch trotz aller Schwierigkeiten suchten die im Westen Deutschlands verbliebenen Kernphysiker Anschluß an die neuen Entwicklungen zu halten. Sie wurden dazu bisweilen stillschweigend von US-Amerikanern und Briten ermuntert. So meinte der Begründer und spätere Leiter des Forschungsreaktors München (FRM), Professor Dr. Heinz Maier-Leibnitz von der damaligen TH München, der jahrelang mit den alliierten Sicherheitsbehörden zusammenarbeitete: "Wir aber haben gute Erfahrungen mit dieser Kontrolle, die bald Vertrauen gewann und uns nach Kräften half."18
Professor Dr. Walther Bothe (1891-1957) nahm bereits vor 1948 das einzige existierende Zyklotron in Heidelberg wieder in Betrieb. Er führte mit seinen Studenten kernphysikalische Experimente durch und stellte radioaktive Präparate für die benachbarte Klinik her.19 Professor Dr. Werner Heisenberg baute 1951 im von ihm geleiteten Göttinger Max-Planck-Institut für Kernphysik eine Arbeitsgruppe für Reaktorkonstruktion auf, die unter der Leitung von Professor Dr. Karl Wirtz (1910-1994) stand. Die französische Feststellung aus dem Jahr 1955, die deutschen Wissenschaftler würden verdächtig schnell Anschluß an den internationalen Entwicklungsstand in der Kerntechnik finden20, bestätigte letztlich den Erfolg jener schwierigen Bemühungen.
Im Jahr 1951 wiesen führende deutsche Physiker die Bundesregierung auf die Notwendigkeit hin, sich im Rahmen der Kontrollratsgesetze mit kerntechnischen Fragen vertraut zu machen. Der Rückstand Deutschlands gegenüber dem Ausland sei noch nicht so groß, als daß man ihn nicht mehr einholen könne, bevor die Atomenergie ein bedeutender Faktor des Wirtschaftslebens geworden sei.21
Die von den Alliierten Hohen Kommissionen oktroyierten gesetzlichen Beschränkungen waren 1951 bereits gelockert worden22.
Fünf Jahre später zeigte sich Professor Dr. Werner Heisenberg enttäuscht darüber, daß die Bundesregierung diesen Vorschlag nur zögernd aufgegriffen habe, da dessen Umsetzung ihrer Ansicht nach möglicherweise die Ratifizierung der Verträge mit den westeuropäischen Nationen erschwert haben würde.23 Immerhin hatte Adenauer im März 1952 im Vertrag über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG-Vertrag) erreicht, daß Deutschland pro Jahr 500 g "Kernbrennstoff" erhalten dürfe, womit der Betrieb eines Reaktors mit 1,5 MW möglich gewesen wäre. Der Vertrag scheiterte allerdings am 30. August 1954.24
Recht früh und zielstrebig beschäftigte sich die Bayerische Staatsregierung mit kerntechnischen Fragen - im kleinen Kreis und in gebotener Stille. So richtete sie 1951 bei Weißenstadt im Fichtelgebirge, einer Uranoxid-Lagerstätte mit einem Versuchsschacht zur Förderung spaltbaren Materials ein.25 Im Jahr 1953 nahm Professor Dr. Werner Heisenberg Verbindungen mit der Bayerischen Staatsregierung bezüglich des Umzuges des Max-Planck-Institutes für Kernphysik von Göttingen nach München und des Baues eines Versuchsreaktors auf, der die Basis für künftige kommerziell betriebene Kernkraftwerke liefern sollte.
Die Euphorie des bayerischen Wirtschaftsministers Hanns Seidel (CSU) mußte durch ein Schreiben von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) gebremst werden, der bis auf weiteres Zurückhaltung anmahnte.26
Insbesondere der Staatssekretär im Bayerischen Wirtschaftsministerium, Dr. Willi Guthsmuths, setzte auf eine autarke Versorgung der bayerischen Reaktoren mit heimischem Uran. Die begrenzten bundesdeutschen Uranvorkommen spielten beim späteren Betrieb von Reaktoren allerdings keine Rolle. Das für den Betrieb der Reaktoren notwendige Uran wurde aus dem Ausland, vorwiegend aus den USA bezogen. Angereichertes Uran, wie es in einer Reihe von Reaktoren wie z.B. dem späteren Garchinger Forschungsreaktor benötigt wurde, konnte bis zum Bau einer entsprechenden Anreicherungsanlage in Gronau im Jahre 1985 ohnehin in der Bundesrepublik Deutschland nicht selbst hergestellt werden.







