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An der Schwelle zum neuen Forschungsreaktor FRM-II

In der Nacht zum 13. Juni 1996 erreichte der FRM eine Zahl von 500000 Megawattstunden - dies entspricht 163793 Betriebsstunden oder 6825 Tagen. Vierzig Jahre lang wurde der Garchinger Forschungsreaktor ohne Schäden an Personen oder Sachen problemlos betrieben. Und er ist weiterhin uneingeschränkt funktionstüchtig. Mancher jüngere Reaktor wie z.B. die Versuchsreaktoren FR2 in Karlsruhe und FRJ-1 in Jülich, der Forschungsreaktor FRF-2 in Frankfurt am Main oder der Schiffsreaktor des Forschungsschiffes NS "Otto Hahn" sind dagegen bereits früher abgeschaltet worden.166

Nicht technische Schwierigkeiten, sondern gestiegene wissenschaftliche Anforderungen führten in den achtziger Jahren zur Planung eines Nachfolgers. Um Garching international mit an der Spitze zu halten, wird ein wesentlich höherer Neutronenfluß als beim alten Reaktor benötigt.

Bei einer fünfmal höheren Reaktorleistung (20 MW) wird die künftige Hochfluß-Neutronenquelle FRM-II einen 50mal höheren Neutronenfluß als der FRM ermöglichen.167 Lediglich ein einziges, zylinderförmiges Uran-Silizid-Brennelement mit einem Außendurchmesser von 24 cm und einer Höhe von 70 cm bildet die Brennstoffzone; es enthält insgesamt ca. 8 kg Uran in hoher Anreicherung von 93%. In einem Wasserbecken mit ca. 5 m Innendurchmesser und ca. 12 m Tiefe wird im Bereich um die Strahlrohrnasen ein Moderatortank mit 2,5 m Durchmesser untergebracht. Die abschirmende Beckenwand wird aus Schwerbeton bestehen und eine Dicke von 1,5 m haben. Der Moderatortank wird mit "schwerem" Wasser gefüllt, das eine gute Bremswirkung für schnelle Neutronen besitzt, jedoch eine geringe Absorption von thermischen Neutronen aufweist.

Zur Kühlung des Brennelements und zur Abschirmung wird leichtes Wasser aus dem Reaktorbecken verwendet.

Ab 1981 entwickelte die TU München das Konzept für die Hochfluß-Neutronenquelle FRM-II, die die Zustimmung der Bayerischen Staatsregierung und des Bundesministeriums für Forschung und Technologie fand. Im August 1997 erteilte die Europäische Kommission ihre Zustimmung. Das Konzept des Brennelements unter Verwendung von hochangereichertem Uransilizid wurde erstmals 1981 in Argonne/USA öffentlich vorgestellt.

Das Raumordnungsverfahren wurde im Herbst 1993 positiv abgeschlossen. Ende Januar 1995 gab der Garchinger Gemeinderat seine Zustimmung zum baurechtlichen Teil im atomrechtlichen Genehmigungsverfahren. Nach Erteilung der ersten Teilgenehmigung am 4. April 1996, die bereits eine vorläufige positive Gesamtbeurteilung enthält, erfolgte der erste Spatenstich am 1. August 1996 unter reger Beteiligung von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Zu den Gästen zählte neben vielen anderen der Bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber.

Spatenstich
1. Spatenstich am 1. 8. 1996: Von links nach rechts: Gesamtprojektleiter des FRM-II, Dr. Anton Axmann; Siemensvorstand, Adolf Hüttl;

Der FRM-II entsteht in direkter Nachbarschaft des bisherigen Reaktors. Aufgrund des größeren Platzbedarfes hat die Reaktorhalle nicht mehr eine runde Form bekommen, sondern ist an der Basis als Viereck und in der Höhe als Achteck ausgeführt. Der routinemäßige Betrieb wird voraussichtlich im Jahr 2001 aufgenommen.

Beim alten Forschungsreaktor waren nur knapp 17 Monate zwischen dem Beschluß des bayerischen Kabinetts und dem ersten Experiment vergangen! Angesichts wesentlich komplizierterer Genehmigungsverfahren und Entscheidungsprozesse sind solch kurze Realisierungsfristen heute nicht mehr möglich.

Wenn zu Beginn des nächsten Jahrtausend rund 600 Wissenschaftler aus ganz Deutschland die neue Hochfluß-Neutronenquelle nutzen, die im "Komitee Forschung mit Neutronen" (KFN) organisiert sind, wird das alte "Atom-Ei" nicht in Vergessenheit geraten. Als Technikdenkmal der fünfziger Jahre bleibt das Bauwerk erhalten. Und das Motto im FRM-II wird das gleiche wie im FRM sein: Spitzenausbildung und Spitzenforschung mit Spitzentechnologie.