Mensch und Technik im Atom-Ei
Einleitung
Was beim Aufbau und bei der Arbeit mit dem ersten Deutschen Forschungsreaktor bereits in den Jahren von 1956 bis 1967 geleistet wurde, ist sicherlich beispielhaft für die Entwicklung in unserem Lande in den ersten Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch von 1945. Damals arbeiteten die ersten Berufsanfänger und Abiturienten nach dem Kriege und die Kriegsteilnehmer, die noch einmal davongekommen waren, gemeinsam mit der politischen Führung an den schweren Aufgaben, die neue demokratische Gesellschaft zu festigen, zerstörte Städte wieder aufzubauen sowie die Millionen von vertriebenen Landsleuten einzugliedern und zu entschädigen. Industrie und Wirtschaft, Universitäten und Forschungseinrichtungen waren auszubauen oder neu zu schaffen. Das alles geschah in Freiheit und mit einem starken Willen, wie er vom Elend des Krieges und von der Not der folgenden Jahre geprägt worden war. Auch ein großer Rückstand in Forschung und Technik mußte aufgearbeitet werden.
Selbst in den frühen 50er Jahren standen noch viele "draußen vor der Tür": ohne Ausbildung, ohne Arbeit, ohne Geld, aber mit der Bereitschaft, hart zu arbeiten. Wir alle hofften auf Fortschritt und auf neue Wege in eine freie und friedliche Zukunft.
Ein großer Vorwärtsruck ging in Forschung und Wissenschaft, in Technik und Wirtschaft von der ersten Genfer Konferenz für die friedliche Nutzung der Atomenergie 1955 aus.1, 2 Für deren Erfolg hatten die USA ein Programm "atoms for peace" entwickelt, das jedem Land Unterstützung versprach, wenn es bereit war, die friedliche Nutzung der Atom(kern)-energie zu erforschen und zu verwirklichen. Entgegen anderer Meinung war dies nach meiner Ansicht ein ehrliches Angebot der USA, mit dem sie versuchen wollten, etwas von dem Schaden wiedergutzumachen, der durch den Einsatz ihrer Atombomben gegen Ende des Krieges am Ansehen der Kernenergie angerichtet worden war.
Unabhängig von ideologischen Doktrinen ergriffen Politiker aller großen Parteien unverzüglich die Initiative für den Aufbau von Kernforschung und Kernenergieversorgung in Deutschland, da nur im gemeinsamen Einsatz aller Kräfte der Wiederaufbau gelingen konnte.
Die Sachbearbeiter in der Ministerialbürokratie schufen zusammen mit den Fachleuten in unvorstellbar kurzer Zeit mit dem Einsatz aller Kräfte und mit allen verfügbaren Kenntnissen die notwendigen rechtlichen und verfahrensmäßigen Grundlagen für die Kernforschung und für die Nutzung der Kernenergie. Der persönliche Einsatz, den Politiker, Beamte und Gutachter seinerzeit auch gegen gelegentliche Anfeindungen geleistet haben, sollte heutzutage allen Bürgern ein leuchtendes Vorbild sein, mindestens aber denen, die Verantwortung für die Zukunft unseres Landes mit Ernst wahrnehmen. Damals wurde mit gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen umsichtig und standfest gehandelt. Das schaffte Vertrauen; sogar Kritiker ließen sich schließlich von den Erfolgen belehren.
Technische Universität München
Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz(FRM 2)
Einleitung