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Realisierung des Garchinger Forschungsreaktors

Kauf des Reaktors in den USA


Im Juli 1955 wurden die drei TH-Professoren Gerlach, Joos und Maier-Leibnitz zu einer Unterredung mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten in die Staatskanzlei bestellt. Dort fragte Hoegner lapidar: "Herr Professor Maier-Leibnitz, wollen Sie einen Forschungsreaktor haben?" Geschwind antwortete der Professor: "Ja, wenn wir auch ein Institut bekommen, um ihn ausnützen zu können." Dies wurde ihm gerne zugesichert.

Ins Leben gerufen wurden daraufhin eine "Bayerische Staatliche Kommission zur friedlichen Nutzung der Atomkräfte" sowie eine Planungsgruppe zur konkreten Realisierung des Vorhabens. Angehörige dieser Planungsgruppe unternahmen diverse Studienreisen ins Ausland, denn die meisten Beteiligten, Politiker wie Wissenschaftler, hatten selbst noch keinen Reaktor gesehen. Man war inzwischen in der glücklichen Lage, Atomreaktoren aus dem Katalog kaufen zu können. Staatssekretär Dr. Willi Guthsmuths und Kultusminister Professor August Rucker fuhren nach England, Professor Maier-Leibnitz in die USA. Nur der Reaktor selbst sollte aus dem Ausland bezogen werden: Alle sonstigen Einrichtungen sollten von deutschen Firmen erstellt werden.

Auch die Engländer hätten gerne den Auftrag bekommen: Das britische Generalkonsulat hatte Staatssekretär Dr. Guthsmuths vorgeschlagen, einen Forschungsreaktor im Pacht- und Leihsystem aus Großbritannien zu beziehen.91 Doch die USA waren technisch führend und lockten zudem mit hohen Zuschüssen. Vier US-Firmen kamen schließlich mit ihren Angeboten in die engere Wahl:92

  • Bendix Aviation Corp., Detroit
  • North American Aviation, Inc., Canoga Park
  • General Electric Company, Schenectady, N.Y.
  • American Machine & Foundry Corporation, N.Y. (AMF)


Die Wahl fiel schließlich auf letztere Firma. Professor Maier-Leibnitz flog mit einem Ermächtigungsschreiben in die USA, das folgenden Inhalt aufwies: "Herr Professor Maier-Leibnitz ist berechtigt, in den USA einen Atomreaktor mit Zubehör einzukaufen."93


Die Kaufverhandlungen entwickelten sich erfolgreich: Der Reaktor sollte ohne Transport- und Verpackungskosten sowie ohne Brennelemente 325000 $ (damals 1,3 Mio. DM) kosten. Damit konnte der Reaktorkauf zur Gänze aus dem US-Zuschuß finanziert werden. Ursprünglich war man von ca. 1500000 DM ausgegangen.94 Als der Vertrag vor der Unterzeichnung stand, hatte Professor Dr. Maier-Leibnitz den Kaufpreis noch einmal um 40000 DM heruntergehandelt.95 Gegenüber seinem Auftraggeber bemerkte er: "Ich glaube, daß ich sehr sparsam war und den niedrigsten Preis erreicht habe, den ich erreichen konnte."96 Dies bestätigt die Reaktion der Firma AMF: Sie war von den Ver- handlungskünsten des sparsamen Schwaben so angetan, daß sie ihm die Europa-Vertretung für ihre Reaktoren antrug!97

Am 20. Juni 1956 wurde der Vertrag im deutschen Generalkonsulat in New York unterzeichnet. Er umfaßte die Projektierung und Betriebseinrichtung durch die Firma AMF einschließlich einer Funktions-garantie. Techniker aus den USA sollten den Reaktor aufstellen, das deutsche Personal einweisen, die Arbeitsvorschriften liefern, den Reaktor mit einem ersten "kritischen" Experiment in Betrieb setzen und dann den Deutschen übergeben. Der Reaktor sollte am 1. Juni 1957 fertig sein und einen Monat später in Betrieb gehen.98 Professor Maier-Leibnitz achtete darauf, möglichst wenig énderungen am AMF-Standard durchzuführen, um die Kosten niedrig zu halten. Zur Kostenersparnis schlug er auch vor, gewisse Werkzeuge selbst zu bauen, statt diese in den USA teuer zu kaufen.99 Wenn Zusatzwünsche geäußert wurden, so kam Professor Dr. Maier-Leibnitz diesen nur nach, wenn sie mit anderweitigen Einsparungen finanziert werden konnten.

Die Brennelemente wurden von der Firma Babcock & Wilcox Cy. bezogen und in Lynchburg/Virginia hergestellt. Die dreißig Brennstäbe enthielten zu 20 % 235U, zu 80% 238U; hinzu kamen neun Kontrollelemente. Sie kosteten zusammen ca. 150000 DM zuzüglich einer jährlichen Leihgebühr von 4% des Wertes des 235Uran (ca. 10000 DM im regelmäßigen Betrieb). Wenn die Brennstäbe am Ende ihrer Nutzbarkeit angekommen waren, was bei der Erstausstattung 1960 schon der Fall war, dann nahm sie die Firma zurück, wodurch kein radioaktiver Abfall in Deutschland anfiel.

KAUFURKU
Vollmacht zum Kauf eines Reaktors

Der Forschungsreaktor entsteht

8. 5. 56 Beschluß des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus über Standort Garching
6. 6. 56 Beschluß des Bayerischen Ministerrates über Ankauf eines Forschungsreaktors
25. 6. 56 Beauftragung des Landbauamtes München mit der Durchführung der Baumaßnahme
2. 8. 56 Beginn der Erschließung des Baugeländes
21. 8. 56 Beschluß Bayerischer Ministerrat über grundsätzliche Billigung der vorläufigen Standortwahl
15. 9. 56 Raumordnungsbescheid der Landesplanungsstelle im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr
8. 10. 56 Beginn des Baues der Zufahrtsstraße zum Reaktorgelände
6. 11. 56 Beginn des Baues der Reaktorkuppel (Erdaushub für Schalenfundamente und Tiefgründung) nach Teilgenehmigungen
16. 11. 56 Beginn der Betonierungsarbeiten an der Halle
17. 11. 56 Baurechtlicher Zustimmungsbescheid der Regierung von Oberbayern
12. 1. 57 Richtfest für das im Rohbau fertiggestellte Reaktorgebäude
22. 1. 57 Beschluß des Bayerischen Ministerrates: Übertragung der Federführung in Atomangelegenheit sowie des Genehmigungsverfahrens an das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr
31. 1. 57 Zustimmung für den Bau des Reaktorgebäudes durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus
3. 6. 57 Einbau des Reaktors durch die AMF
23. 8. 57 Eintreffen der Brennelemente aus den USA in München-Riem
9. 9. 57 Besichtigung der Reaktorbaustelle durch Vertreter der Staatsregierung. Feierliches Auspacken der Brennelemente. Beginn der Erprobung von Anlagenteilen
25. 10. 57 Beschluß des Landratsamtes München im Wasserrechtlichen Verfahren
31. 10. 57 Aufbau des Reaktorkerns zur Durchführung eines ersten Experiments (20 % 235U) mit Erreichen der "Kritikalität", danach öbergabe des Reaktors von der AMF an das Laboratorium für Technische Physik
31. 1. 58 Genehmigung für routinemäßigen Betrieb durch das Bayerische Staatsministerium des Inneren
3. 2. 58 Übergabe des Reaktors an das Laboratorium für Physik der TH mit einem Festakt
10.- 11. 7. 58 Erste Operateurprüfung (bis dahin Messung und Untersuchung wichtiger Eigenschaften bei niedriger Leistung, Heranbildung von Operateuren durch in den USA ausgebildete Reaktorfahrer). Bis dahin 0,77 MWh umgesetzt.
Ende 7. 58 Leistungsanhebung auf 1 MW
5.- 8. 8 .58 Erster Drei-Tage-Dauerversuch mit 1 MW