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Zuverlässigkeit
In Garching herrschte eine glückliche Situation. Das Personal konnte an Ort und Stelle ausgebildet werden. Viele Mitarbeiter stammten aus der Umgebung, da die Technische Hochschule anfangs in der Region warb und heimische Bewerber bevorzugte. Den Bewohnern des relativ armen Erdinger Mooses sollten neue Arbeitsplätze angeboten werden. Im Gegensatz zu anderen Reaktorstationen legte man nicht so sehr auf möglichst hohe akademische Abschlüsse, sondern auch auf menschliche Qualitäten Wert, und führte in vielen Fällen das Personal selbst zur beruflichen Qualifikation. Techniker, Handwerker und Lkw-Fahrer, mitunter mit Hauptschulabschluß, wurden in Reaktorphysik und Strahlenschutz unterrichtet und legten erfolgreich die Operateurprüfung ab. Manche brachten es zum Schichtleiter. Einige konnten sogar erfolgreich die Ingenieursprüfung ablegen. Das Personal zeichnete sich durch große Zuverlässigkeit, Korpsgeist und langjährige Treue zum Arbeitgeber aus. In den ersten Jahren des Garchinger Reaktors nützten auch andere künftige Reaktorbetreiber die Möglichkeit, ihr Personal in Garching auszubilden. Es ergab sich zwangsläufig, daß auch in den Aufsichtsbehörden und beim TÜV in den sechziger und siebziger Jahren nicht selten Fachkräfte tätig waren, die in Garching ausgebildet waren. Erster Leiter der Reaktorstation war Professor Dr. Max Pollermann, der im Oktober 1960 von Dr. Lothar Koester abgelöst wurde. Zu Beginn des ersten Betriebsjahres 1958 arbeiteten 20 Mitarbeiter in der Reaktorstation. Mitte der sechziger Jahre waren es bereits rund 60, ergänzt durch an die 250 Experimentatoren. Im Herbst 1958 bestand das Personal aus folgenden Mitarbeitern:147 Bis heute gliedert sich der Reaktorbetrieb in drei Abteilungen auf:
- Betriebsabteilung mit Elektronikgruppe,
- Projektabteilung mit Bestrahlungsgruppe,
- Strahlenschutzabteilung.
Die Reaktortechniker werden in der Operateurgruppe der Betriebsabteilung zusammengefaßt. Der Gruppenleiter trägt die Verantwortung für die sichere Bedienung des Reaktors. Er teilt den Schichtdienst ein und koordiniert die Arbeiten der Operateurgruppe und des Technischen Dienstes. Insbesondere obliegt ihm die Beaufsichtigung und Kontrolle der Brennstoffelemente, des Reaktorbeckens und der Regelstabinstrumentierung.
| Betriebsleitung | Techniker | Verwaltung |
| 1 Direktor 1 Direktor-Stellvertreter 2 Strahlenschutzphysiker 1 Elektroingenieur 1 Chemiker 1 Physiker für Unter- suchungen in wasser- rechtlichen Verfahren | 1 Mechaniker 2 Schlosser 1 Tischler 1 Maurer 1 Elektriker 2 Hilfsarbeiter | 1 Sekretärin 1 Hausmeister 2 Kraftfahrer 4 Wachleute 1 Heizer 4 Putzfrauen 10 Operateure 1 Laborant 1 Chemotechniker 1 Konstrukteur |
Zum Schichtpersonal gehören der Schichtleiter und der Reaktoroperateur. Der Schichtleiter führt die Schicht gemäß den Anweisungen des Betriebsprogrammes und der Vorschriften. Er trägt die Verantwortung für Betriebs- und Strahlensicherheit. Der Operateur steuert den Reaktor gemäß den Betriebsvorschriften und trägt Meßwerte etc. in das Logbuch ein. Jederzeit muß er den Betriebszustand übersehen und bei Auftreten von Unregelmäßigkeiten den Reaktor abschalten.
Die verbindlichen Grundlagen des Reaktorbetriebes sind die Betriebsanweisung und die Betriebsordnung. Ein Sicherheitsbeirat wacht über die sicherheitstechnischen Fragen grundsätzlicher Art und berät den Leiter der Reaktorstation. Vor wesentlichen Änderungen in der Betriebsweise, in der Nutzung des Reaktors sowie an kernnahen Einbauten ist er zu befragen. Dieser wichtigen Institution obliegt die Kontrolle über die Experimente, womit die Freiheit der Forschung gewährleistet ist. Die ersten Mitglieder waren Professor Dr. Maier-Leibnitz, Professor Dr. Pollermann, Professor Dr. Riehl, Professor Dr. Born, Dr. Koester, Dipl. Phys. Oberhofer, Operateur Mayer, Dr. Pohl von der Aufsichtsbehörde sowie gastweise der medizinische Sachverständige Dr. Wittenzeller.148 Darüber hinaus wurden alle Experimentiereinrichtungen und Versuchsabläufe unter sicherheitstechnischen Aspekten frühzeitig von der Betriebsgruppe geprüft und dokumentiert und erst nach eventuell notwendigen Verbesserungen freigegeben. Die Aufsichtsbehörde beschränkt sich auf die Überprüfung des Reaktorbetriebes.
Zwischen Juli 1958 und Februar 1959 wurden die Neutronenflußverteilung, die Reaktivitätskoeffizienten und sonstigen Reaktorkonstanten gemessen. Es erfolgte die kalorimetrische Leistungskalibrierung, d.h. die Einstellung der Anzeigewerte. Änderungen und Verbesserungen an der Instrumentierung für den Dauerbetrieb wurden durchgeführt. Gleichzeitig wurden das Strahlungsfeld in der Reaktorhalle ausgemessen und die Abschirmung überprüft. Das Personal arbeitete von 1959 bis September 1960 im Ein-Schicht-Betrieb.
Wie bei jeder neuen Anlage gab es am Anfang Schwierigkeiten, z.B. mit der Elektronik (damals noch in Röhrenbauweise). Nachbesserungen durch die Herstellerfirma wurden erbracht. Die Betriebsgruppe lernte rasch mit der neuen Technik umzugehen. Sicherheitsbedenken rangierten stets an erster Stelle. Zu Störfällen kam es nicht.
Ab Januar 1958 waren Verfahren für Experimente entwickelt, die Einrichtungen zur Bestrahlung von Proben überprüften und sonstige Einrichtungen für den Experimentierbetrieb erprobten. Für den künftigen Experimentierbetrieb wurden im Laufe des Jahres noch verschiedene Änderungen und Verbesserungen an den Instrumenten vorgenommen. Im November 1958 konnten die ersten wissenschaftlichen Arbeiten beginnen. Bis zum September 1960 wurden 2380 MWh freigesetzt und 124 g Uran (235U) verbraucht.
Im September und Oktober 1960 wurde der Reaktor abgeschaltet, um einen neuen Satz Brennelemente einzubauen. Auch wurden der Hauptwärmeaustauscher ersetzt, die Ionenaustauschanlage erweitert und verbessert. Zwei neue Brennelementsätze wurden von der Davidson Chemical Company, Erwin/Tennessee, USA, gekauft. Nun verwendete man als Brennstoff auf 90% angereichertes 235U; in den Brennelementplatten war es in Aluminium fest eingewalzt. Auch mit diesen Brennelementen war man nicht sehr zufrieden. Erst beim nächsten, in Deutschland hergestellten Satz war alles in Ordnung.
Der zweite Reaktorkern wurde am 7. Oktober 1960 aufgebaut. Die Zahl der Betriebsstunden, Experimente und Bestrahlungen erhöhte sich danach stark, und man ging auf einen Zwei-Schicht-Betrieb über. Bis zum 1. September 1962 wurden 4100 MWh erzeugt und 214 g Uran (235U) abgebrannt. Die betriebliche Nutzung verdeutlicht die Grafik auf Seite 56.
Der Routinebetrieb lief reibungslos. Sicherheitsprobleme gab es keine - Gerüchte über angeblich "100 undichte Stellen", die Ende 1959 in der Presse hochgespielt worden waren und auch den Bayerischen Landtag beschäftigt hatten, erwiesen sich als "Ente". Professor Dr. Maier-Leibnitz teilte der Abgeordneten Maria Günzl (SPD) mit, "daß der Betrieb unseres Reaktors zu keiner irgendwie gearteten Beanstandung Anlaß gibt."149 Penibel wurden die Auswirkung der Strahlung auf die Umgebung wie die Strahlenexposition des Betriebspersonales überwacht. Die Mitarbeiter wurden einer Strahlendosis von höchstens einem Zehntel der zulässigen Werte ausgesetzt; in der ganzen Geschichte des Forschungsreaktors erreichte sie nicht das zulässige Maß. Ein Gesundheitsphysiker war und ist ständig am Atom-Ei tätig und besitzt faktisch ein Vetorecht.150
Gemessen am heutigen Standard waren betriebliche Schwierigkeiten wegen kleiner Mängel der gelieferten Anlage relativ häufig. Alle lernten schnell aus den Fehlern; in der Folgezeit sank die Zahl auftretender Probleme deutlich. Die theoretische Vorbereitung der Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter wurde ausgeweitet. Vor ihren eigenen Versuchen hospitierten sie einige Tage bei der Betriebs- und bei der Strahlenschutzgruppe. Bei Experimenten wurde ein Strahlenschutztechniker hinzugezogen. Ab 1961 wurden Experimente durch vorherige schriftliche Anmeldung koordiniert und dokumentiert.
Recht häufig war es zunächst zu automatischen Abschaltungen ("Scram") gekommen. Die Ursachen waren zumeist harmloser Art: Störspannungen oder Fehler an den elektronischen Geräten. Letztere wurden deswegen konstruktiv verändert oder neu entwickelt. Eine sicherheitsrelevante Abschaltung aufgrund zu schnellen Leistungsanstieges ("Periodenabschaltung") kam nur einmal vor. Die Sicherheitseinrichtungen haben dabei tadellos funktioniert. Der TÜV äußerte im Jahr 1962 anerkennend, daß sich die für die Reaktoranlage getroffenen Sicherheitsmaßnahmen im allgemeinen bewährt hätten. Viele der internen Prüfungs- und Überwachungsmaßnahmen am FRM hätten anderen Reaktorstationen als Vorbild gedient.
Bei der Generalüberholung 1962 wurde auch eine Tieftemperatur-Bestrahlungsanlage mit flüssigem Helium eingebaut. Danach stieg die Zahl der Betriebsstunden und Experimente stark an, und man ging zum Drei-Schicht-Betrieb über.
Im September 1966 erfolgte eine Leistungsanhebung auf 2,5 MW, im Mai 1968 eine nochmalige Anhebung auf 4 MW. Dadurch sollte die Flußdichte der Neutronen erhöht werden, was aussagekräftigere Messungen ermöglichte. Im Jahr 1982 wurden schließlich der Reaktorkern mit Reflektorelementen aus Beryllium umgeben und dadurch eine thermische Neutronenflußdichte von 8·1013n/cm2s im Bereich der Uranzone erreicht. Seit 1960 hatte die Betriebsmannschaft bei notwendigen Änderungen der Anlage und beim Ersatz defekter Teile eine Aufrüstung mit dem Ziel vorgenommen, eine höhere Leistung zu erreichen. Es spricht für den Einsatz und die Tüchtigkeit der Reaktortechniker, daß diese Maßnahmen ohne besondere Kosten möglich waren. Alle notwendigen reaktorphysikalischen, technischen und radiologischen Berechnungen wurden von der Reaktorgruppe durchgeführt. Sie erstellte den notwendigen Sicherheitsbericht und holte die Betriebsgenehmigung ein.












