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Realisierung des Garchinger Forschungsreaktors
Bauliche Realisierung und Inbetriebnahme
Der Bauauftrag für die Reaktorhalle und die Institutsgebäude umfaßte ein Volumen von 4,5 Mio. DM (inklusive 800000 DM für Grunderwerb, Bodenuntersuchung und Baugeländeerschließung). Hinzu kamen ca. 1,9 Mio. DM für den Reaktor, die Brennstäbe und diverse Nebenkosten, die zu einem großen Teil aus dem US-Zuschuß finanziert werden konnten.
Bauherr war das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, verantwortlich für die Baumaßnahme das Landbauamt der Stadt München. Der architektonische Entwurf, die Ausführungszeichnungen und die künstlerische Leitung wurden Professor Dr. Gerhard Weber von der TH München übertragen.
Als Subunternehmer der AMF lieferte die MAN den maschinentechnischen Teil. Die gesamten elektrischen Anlagen wurden bei den Siemens-Schuckert-Werken bezogen. Diverse Ingenieurbüros wurden mit der Planung von Spezialfragen beauftragt.
Die Baufirma Wayss & Freytag, die die Erd-, Beton-, Stahlbeton- und Maurerarbeiten durchführte, betrat in vielen Punkten Neuland. Beispielsweise hatte man mit der Verwendung von Barytbeton (Schwerbeton) in Deutschland noch keinerlei Erfahrungen. Die Vorgaben waren streng: So mußte die Betonausschalung auf 15 mm genau ausgeführt werden. Aus der ganzen Bundesrepublik hatte die Firma die besten Stammarbeiter zusammengezogen, einen Mitarbeiter sogar von einer Baustelle im Irak heimgerufen. Der Bauleiter Sebastian Schapfl war erst 27 Jahre. Die Statik der Schale wurde von Dipl.-Ing Fritz Brosch in Verbindung mit dem diesbezüglichen Spezialisten Professor Dr. Hubert Rüsch von der TH München berechnet.100
Im Oktober 1956 wies bereits eine Holztafel mit der Aufschrift "Reaktormittelpunkt" auf die kommenden Entwicklungen hin.101 Sehr bald sollte sich eine emsige Bautätigkeit bemerkbar machen. Wegen der strengen Kälte und des starken Frostes im Winter 1956/57 mußte das künftige Atom-Ei nachts mit 20-30¯C heißem Dampf gewärmt werden; tagsüber heizte man mittels Ölöfen. Schwere Unfälle gab es trotz des Termindrucks keine. Die Betonierungsarbeiten mußten nicht unterbrochen werden. Ein Grundwassereinbruch in die Baugrube verzögerte die Bauausführung. Dennoch konnte das Richtfest bereits am 12. Januar 1957, drei Wochen früher als avisiert, gefeiert werden. 600 Tonnen Beton und 38 Tonnen Stahl waren von den 85 Arbeitern verbaut worden. Für den festlichen Anlaß hatte der Eisenflechter Albert Morgot eine vier Meter hohe Richtkrone ge- fertigt.102
Um die 200 Ehrengäste, darunter Landtagspräsident Dr. Hans Ehard, Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner, Innenminister Dr. August Geiselhöringer, Kultusminister August Rucker und Münchens Oberbürgermeister Thomas Wimmer, sowie weit über 100 Belegschaftsangehörige der Firma Wayss & Freytag waren anwesend. Nach den Ansprachen wurde eine "Atom-Mahlzeit" gereicht, die "Uranstäbe" (Weißwürste), "Vorfluterbrühe mit Kerneinlage" (Leberknödelsuppe), "Neutronenschlegel" (Kalbfleisch), "Fettisotop" (Nachspeise), "Garchinger Gammadunst" (Käse) und "radioaktives Kühlwasser" (Bier) beinhaltete. "Atomgeschütze" bayerischen Humors wie Michl Ehbauer, Schorsch Blädl und Liesl Karlstadt traten auf.103
Vor der Lieferung der Brennelemente gab es zunächst Schwierigkeiten. Zunächst waren, wie bereits ausgeführt, politische Hindernisse zu überwinden, dann hatte die Herstellerfirma anscheinend Schwierigkeiten, die Brennstäbe mit zu 20% angereichertem 235U zu erzeugen, und bei den Konkurrenten sah es nicht besser aus. Professor Dr. Maier-Leibnitz schlug daher vor, entweder die Brennstäbe direkt von der staatlichen "Atomic Energy Commission" (AEC) zu beziehen, die bekanntlich in Oak Ridge/Tennessee über eine Wiederaufbereitungsanlage verfügte, oder mit zu 90% angereicherten Brennelementen zu beginnen, die leichter herzustellen waren. Hierfür wäre aber eine Ausnahmegenehmigung notwendig gewesen.104
Schließlich konnte Babcock & Wilcox Cy. die Brennelemente doch liefern, wenngleich mit einmonatiger Verspätung. Sie trafen aus Virginia am 23. August 1957 ein und wurden zunächst zum Schutz gegen Diebstahl oder Beschädigung im Tresor der Bayerischen Staatsbank zwischengelagert. Professor Maier-Leibnitz versicherte, daß im unverbrauchten Zustand und unter Belassung in der Originalverpackung keinerlei Gefahren von den Brennelementen ausgingen.105
Anläßlich des Eintreffens der Brennelemente in Garching wurde am 9. September 1957 eine kleine Feier veranstaltet. Ministerpräsident Dr. Hoegner und viele Kabinettsmitglieder waren anwesend und öffneten unter dem Motto "Es lebe die Aktivität!" die sieben Kisten mit insgesamt 39 Brennelementen. In Ermangelung eines Schraubenziehers mußte man sich dabei mit Taschenmessern behelfen! Bei dem ersten Satz Brennelemente hatte man später noch diverse Probleme mit Fertigungsfehlern zu lösen. Die defekten Elemente wurden daher Anfang 1958 an den Hersteller zurückgesandt.106
Im Jahr 1957 hatten die zuständigen Behörden noch keine Erfahrung mit dem Betrieb von Forschungsreaktoren. Aber auch die deutschen Sachverständigen besaßen keinen wesentlichen Wissensvorsprung. Konkrete deutsche Sicherheitsvorschriften existierten noch nicht; man lehnte sich zunächst an US-amerikanische Standards an. Professor Maier-Leibnitz erinnerte sich rückwirkend an jene Zeit: "In diesem Frühstadium gab es niemanden, der uns sagen konnte, welche Sicherheitsvorkehrungen wir treffen sollten. Dieselben Personen, die die Arbeit machten, mußten auch für die Sicherheit sorgen. Wir schrieben Sicherheitsberichte und haben sie der Regierung vorgelegt, aber dort war keiner, der mehr wußte als wir, eher weniger."107
Unter Anlehnung an die US-Vorschriften erstellte Professor Maier-Leibnitz im März 1957 einen Sicherheitsbericht, der um einen weiteren Sicherheitsbericht des Herstellers ergänzt wurde. Beide Berichte wurden, wie mit den USA vereinbart, der "Atomic Energy Commision" in den USA zur Prüfung übergeben.
In Bayern wurde der Sicherheitsbericht einer Reihe von Stellen zur Begutachtung vorgelegt: der Gesundheitsabteilung des Staatsministeriums des Inneren, dem Ministerium für Arbeit und soziale Fürsorge sowie dem Bayerischen Landesamt für Wasserversorgung und Gewässerschutz. Auch Kollegen anderer Fachgebiete von TH und Universität wurden konsultiert; größere Bedenken wurden keine erhoben. Die enge Kooperation der Behördenvertreter ermöglichte eine schnelle Erteilung der Betriebsgenehmigung, ohne dabei Abstriche in puncto Sicherheit zu machen. So viele Meinungen als möglich wurden einbezogen.
Im Wasserrechtlichen Verfahren wurden diverse Auflagen festgesetzt. Professor Maier-Leibnitz stimmte ihnen widerspruchslos zu, auch wenn er manche für möglicherweise "übertrieben" hielt. Nur die Forderung, die Körperausscheidungen der Mitarbeiter vor der Ableitung auf Radioaktivität hin zu untersuchen, lehnte er ab: "Ich muß unterstellen, daß dem die Annahme zugrundeliegt, wir könnten unsere Mitarbeiter in solchem Masse [sic!] mit radioaktiven Substanzen vergiften, daß selbst ihre Ausscheidungen im Abwasser noch schädlich sein könnten. Ich glaube nicht, daß wir diese Art von Mißtrauen verdient haben."108
Auch holte man beim TüV ein im Zweifel verbindliches "Technisch-physikalisches Sicherheitsgutachten" ein (abgeschlossen 23. Dezember 1957). Es kam zu dem Ergebnis, daß ein sicherer Betrieb unter Berücksichtigung des Sicherheitsberichtes sowie der vom TÜV vorgeschlagenen Auflagen gewährleistet sei.
Die Betriebsgenehmigung durch das Staatsministerium des Inneren vom 31. Januar 1958 enthielt 33 zusätzliche Sicherheitsauflagen (18 technische, 15 betriebliche). So wurden der Einbau eines (aus damaliger Sicht nicht notwendigen) Radioaktivfilters in der Entlüftungsanlage, zusätzliche Strahlungsmeßgeräte sowie verbesserte Bewachungsvorkehrungen verlangt.109
Insbesondere wegen dieser zusätzlichen Sicherheitsauflagen mußten im April 1957 über einen Nachtragshaushalt weitere 1360000 DM genehmigt werden, so daß die gesamte Baumaßnahme (ausschließlich der Kosten für den Reaktor) auf 5860000 DM kam. Im Jahr 1958 ergaben sich noch einmal 641000 DM Mehrkosten für ein zunächst nicht geplantes "heißes Labor", in dem mit radioaktivem Material gearbeitet wurde, sowie für zusätzliche Bau- und Strahlenschutzmaßnahmen.
Zunächst hatten lediglich die aus den USA zurückkehrenden Mitarbeiter Dr. Pollermann und Dr. Misenta den "Reaktorführerschein" besessen. Der künftige Leiter der Reaktorstation, Dr. Pollermann, war ein halbes Jahr in die USA entsandt worden, um vor Ort die Reaktortechnik eingehend zu studieren.
Das erste Experiment, mit dem der Reaktor in Betrieb gesetzt wurde, wurde noch von den zwei US-Technikern der AMF vorbereitet und erfolgte am 31. Oktober 1957 um 19.45 Uhr. Zu spontaner Feier gingen die Beteiligten am späteren Abend in den "Neuwirt".110
Professor Dr. Maier Leibnitz über die erste Kettenreaktion: "Am 30. Oktober 1957 hieß es dann: Heute nacht ist es so weit. Diesen Tag und diese Nacht werde ich nie vergessen. Ich wachte morgens mit fürchterlichen Zahnschmerzen auf und ging gleich zum Zahnarzt; der zog mir den Zahn. An diesem Tag war ein Nebel, wie ich ihn noch niemals erlebt hatte. Der Nebel verschlimmerte sich tagsüber, er wurde immer dichter. Wir fuhren hinaus zum Reaktor. Wir konnten die Hand nicht vor den Augen sehen. Und dann standen wir paar Leute da im Reaktorgebäude. [Um 19.45 Uhr, Verf.] kam der feierliche Moment. Unser Reaktor wurde von zwei Technikern der American Machine and Foundry in Betrieb genommen. Die ersten Neutronen ließen die Meßinstrumente ausschlagen. Ein Blick hinunter in das Wasserbecken des Schwimmbadreaktors zeigte ein blaues Leuchten. Die erste Kettenreaktion in Deutschland hatte stattgefunden. Wir sind dann noch zum Neuwirt und haben dort gefeiert; die Wirtin hat uns Sekt spendiert. Mittags flogen die Ingenieure der Lieferfirma nach New York zurück. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gesehen und waren von da an auf uns selbst angewiesen."111
Da Professor Dr. Maier-Leibnitz mit seinem Frankfurter Kollegen Professor Dr. Schopper vereinbart hatte, die Inbetriebnahme der neuen Forschungsreaktoren München-Garching und Frankfurt am Main gemeinsam anzukündigen, ersuchte er die Bayerische Staatskanzlei, mit der Bekanntgabe der Nachricht noch zu warten112, doch die Presse hatte bereits Wind davon bekommen. Der Schwesterreaktor FRF-1 der Universität Frankfurt am Main unter Leitung von Professor Dr. Schopper ging erst einige Zeit später, nämlich am 10. Januar 1958, als zweiter deutscher Reaktor in Betrieb. Er wurde ebenfalls mit zu 20% angereichertem 235U betrieben und mit leichtem Wasser gekühlt und moderiert; es handelte sich jedoch nicht um einen "swimming pool"-, sondern um einen "water boiler"-Reaktor. Wegen technischer Probleme mußte er bereits 1968 stillgelegt werden. Als dritter Forschungsreaktor ging am 24. Juli 1958 der ähnlich konzipierte BER am Hahn-Meitner-Insitut für Kernforschung in Berlin in Betrieb.113
Am 31. Oktober 1957 übergaben die US-Amerikaner den Garchinger Reaktor ihren deutschen Kollegen. Sie besuchten noch die "Wiesn" und flogen dann umgehend in die USA zurück, ohne die ursprünglich vorgesehene Einarbeitungsperiode abzuwarten. In den folgenden zwei Monaten übernahm der Hersteller eine Garantie für das Funktionieren des Reaktors.
Nach Erteilung der Betriebsgenehmigung am 31. Januar 1958 wurde der Reaktor am 3. Februar anläßlich eines Festaktes an die Technische Hochschule München übergeben. Zu den Teilnehmern zählten Bundesatomminister Siegfried Balke, Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, Vertreter der Bundesatomkommission und der Staatsregierung.114 Es war nicht nur der erste deutsche Reaktor, sondern auch der erste aus den USA nach Europa verkaufte Forschungsreaktor, der in Betrieb ging. Entsprechend groß war das Medienecho. Prof. Dr. Maier- Leibnitz war zuversichtlich und schrieb an den künftigen Leiter der Reaktorstation Dr. Pollermann: "Wenn ich denke, daß solche Reaktoren auch in Indien oder Persien betrieben werden sollen, glaube ich, wir sollten uns da auch ruhig etwas zutrauen. Auf jeden Fall wollen wir recht vorsichtig sein und vor allem folgsam gegenüber allen Vorschriften, die Sie uns machen."115


















