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München oder Karlsruhe - wo das deutsche Kernforschungszentrum entsteht

Nach Unterzeichnung der "Pariser Verträge" begann ein Wettlauf der Standortbewerber für Atomreaktoren, insbesondere nachdem zunächst die Vorstellung vorherrschte, daß angesichts der Größe der Bundesrepublik Deutschland und ihres wissenschaftlichen und technischen Rückstandes ein einziges Atomzentrum ausreichend sei und die sinnvollste Lösung darstellen würde.35 Die Bewerber versprachen sich von einem solchen Atomzentrum die Schaffung von Arbeitsplätzen und wesentliche Impulse für Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie.
Als unabdingbare Voraussetzungen erachtete man folgende Standortfaktoren:

  • Nachbarschaft einer Technischen Hochschule und Universität,
  • Vorhandensein von Industrie in der Region,
  • günstige Verkehrslage,
  • ausreichende Grundwasserversorgung,
  • Nähe von Uranvorkommen.


Als Leiter eines solchen Atomzentrums war der Kernphysiker und Nobelpreisträger Dr. Werner Heisenberg vorgesehen, der das einst in Berlin beheimatete Max-Planck-Institut für Kernphysik provisorisch in Göttingen etabliert hatte, jedoch einen Umzug plante. Heisenberg, der Bundeskanzler Adenauer in Atomfragen beriet, schwebte ein "Bundesatomlaboratorium" nach dem Vorbild des britischen Atomzentrums Harwell oder der US-amerikanischen Großforschungsanlage Brookhaven vor.36 Insbesondere die Länder Bayern (Standort München) als auch Baden-Württemberg (Standort Karlsruhe) suchten Professor Heisenberg anzulocken. Auch Göttingen und das Ruhrgebiet waren zeitweise in der Diskussion, ohne allerdings ernsthaft in Betracht gezogen zu werden.

Gemäß einer Denkschrift von Dr. Willi Guthsmuths (1955), Staatssekretär im Bayerischen Wirtschaftsministerium, sollte die Errichtung von Reaktoren in drei Stadien verlaufen:37

  1. Forschungsreaktoren (für Forschungs- und Ausbildungszwecke),
  2. Versuchsreaktoren (zur Erprobung von Leistungsreaktoren),
  3. Leistungsreaktoren (für kommerzielle Produktion von Atomstrom)

In München plante man in einem ersten Schritt die Errichtung eines bis 5 Mio. DM teuren Forschungsreaktors der Technischen Hochschule München und eines bis 50 Mio. DM teuren, luft- oder wassergekühlten Versuchsreaktors der Max-Planck-Gesellschaft, die in enger räumlicher Nachbarschaft zueinander angesiedelt werden sollten.

Die Bayerische Staatsregierung war bestrebt, das Atomzentrum um jeden Preis nach München zu holen. Ministerpräsident Hoegner äußerte im Ministerrat, Karlsruhe dürfe München nicht "den Rang ablaufen"38, und Kultusminister August Rucker (1900-1978) meinte, ein solches Atomzentrum sei "von entscheidender Bedeutung für Bayern als Kulturzentrum".39 Bei diesen Bemühungen zogen alle involvierten Stellen (Staatskanzlei, Wirtschaftsministerium, Ministerium für Unterricht und Kultus, Stadt München) an einem Strang.40 Andererseits genoß das Land Baden-Württemberg Sympathien bei Bundeswirtschafts- minister Professor Dr. Ludwig Erhard (1897-1977), der zugleich baden-württembergischer Bundestagsabgeordneter war, sowie bei diversen Industrievertretern in der Standortkommission. Auch Bundeskanzler Adenauer neigte anscheinend schon früh zu Karlsruhe.41 In Baden-Württemberg warnte man vor einer "Balkanisierung" der Bundesrepublik auf kerntechischem Gebiet und warb mit diesem Argument für ein zentrales Atomzentrum im Südweststaat.42 Bundesatomminister Strauß hatte sich hingegen für einen kerntechnischen Schwerpunkt München ausgesprochen43 und hatte sich im Auftrag der Landesgruppe der CSU in diesem Sinne auch mit einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Erhard gewandt.44 Grundsätzlich befürwortete Strauß eine Föderalisierung der Kernforschung, die bei den Universitäten und Hochschulen der Länder respektive bei den Industrieunternehmen angesiedelt sein sollte. Eine Zentralisierung nach britischem Vorbild lehnte er ab.45 Der Freistaat setzte zudem auf die Stimme Heisenbergs, der in der Standortkommission die größte Bedeutung zugemessen wurde. Heisenberg befürwortete aufgrund des Mangels an Fachleuten dezidiert die Schaffung eines Atomzentrums und hielt aufgrund der guten Standortfaktoren München für die beste Lösung. Persönliche Gründe mögen ebenfalls eine Rolle gespielt haben: Er war gebürtiger Münchner, liebte das Voralpenland46 und besaß zudem in der bayerischen Landeshauptstadt bereits ein Haus.47 Neben einem Versuchsreaktor für das Max-Planck-Institut und einem Forschungsreaktor für die Technische Hochschule dachte er mittelfristig, etwa um das Jahr 1959, auch an die Realisierung eines Leistungsreaktors bei München.

Im April 1955 versuchte die baden-württembergische Landesregierung mit Zuschüssen zu ködern: 7 Mio. DM wurden für eine Verlegung des Max-Planck-Institutes nach Karlsruhe, 3 Mio. DM für die Errichtung eines Reaktors geboten. Die bayerische Staatsregierung konterte mit entsprechenden Zuschußangeboten. Nicht zuletzt gaben auch strategische Erwägungen den Ausschlag: General Alfred Gruenther, Nato-Oberbefehlshaber Shape, votierte eindeutig für Karlsruhe.48 Zweifelsohne wäre im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West München mit größerer Wahrscheinlichkeit in die Hände des Feindes gefallen, als das weiter im Westen liegende Karlsruhe.

Bundeskanzler Adenauer entschied am 29. Juni 1955 im Kleinen Sitzungsaal des Palais Schaumburg, daß kein deutsches Atomzentrum entstehen würde, sondern eine Teilung der Aufgaben erfolgen sollte: München sollte den kleinen Forschungsreaktor nebst zugeordneten Instituten erhalten, Karlsruhe Kernforschungszentrum werden und den größer dimensionierten, mit Natururan betriebenen und mit "schwerem Wasser" gekühlten und moderierten Versuchsreaktor (FR-2) erhalten. In Baden-Württemberg jubilierte man; sehr zu Unrecht - wie sich zeigen sollte - hielt Minister Farny den für München bestimmten Forschungsreaktor für ein "Danaer-Geschenk".49

Die Bayerische Staatsregierung und die im Landtag vertretenen Parteien zeigte sich verstimmt darüber, daß ihnen diese Bonner Entscheidung erst mit Verspätung bekanntgegeben und die Atomkommission bei der Standortwahl nicht angehört worden war.50 Heisenberg war maßlos entäuscht und kritisierte in einer Rede vor dem Bayerischen Landtag, daß die Entscheidung "aus Gründen, die nichts mit der Sache zu tun hätten, sondern anderen Einflüssen zuzuschreiben seien", jene Wendung genommen habe.51

Der Freistaat Bayern konnte sich zwar freuen, daß der Senat der Max-Planck-Gesellschaft am 11. Oktober 1955 tatsächlich beschloß, das Göttinger Max-Planck-Institut für Kernphysik nach München zu verlegen. Dr. Heisenberg entschied nun konsequent - wenngleich mit Bedauern -, die gesamte Arbeitsgruppe für Reaktorentwicklung nach Karlsruhe abzugeben und selbst in München lediglich theoretische Grundlagenforschung zu betreiben, wofür ein Reaktor nicht nötig sei. Den dem Max-Planck-Institut 1955 quasi zur Kompensation angebotenen "Schwimmbad-Reaktor" überließ er dem TH-Institut für technische Physik von Professor Dr. Heinz Maier-Leibnitz. Dessen Institut hatte sich durch hervorragende Forschungsleistungen vor anderen ausgezeichnet, so daß es den Reaktor bekam. Weiterhin gab es 1958/59 öberlegungen, im Freistaat einen zweiten Versuchsreaktor neben Karlsruhe in der Nähe des Forschungsreaktors zu realisieren, doch die materiellen Möglichkeiten waren dafür nicht gegeben.52

Zwar konnte der Freistaat Bayern schließlich die Inbetriebnahme des ersten deutschen Atomreaktors feiern, doch betrachtete der damalige Ministerpräsident Hoegner jene Entscheidung Adenauers noch beim zehnjährigen Jubiläum des Garchinger Forschungsreaktors im Jahr 1967 seiner Meinung nach als eine Benachteiligung Bayerns: "Man hatte uns damals einen Reaktor in Aussicht gestellt, aber nur einen kleinen, da wir Bayern immer benachteiligt werden. Doch selbst eine kleine Anlage kann einen großen Nutzen haben, wenn sie ausschließlich der Ausbildung junger Wissenschaftler dient. So stand von vornherein fest, daß dieser Reaktor Bestandteil der Technischen Hochschule München werden sollte. Hinzu kam der Ärger über den Satz, daß wir Bayern rückständig seien. Heute kann jeder Preuße, der aus dem Norden über die Autobahn zu uns kommt, gleich sehen, daß bei uns etwas los ist."53