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Reaktionen der Öffentlichkeit zum FRM
Der Forschungsreaktor Garching wurde in der Öffentlichkeit mit einer Mischung aus Euphorie und Skepsis aufgenommen. Einerseits waren der Bevölkerung die fürchterlichen Auswirkungen der Atombomben noch frisch im Gedächtnis. Mitte der fünfziger Jahre formierte sich in Deutschland und anderen europäischen Staaten eine breite Bewegung gegen atomare Waffen. Andererseits setzte man große Hoffnungen in die segensreichen Wirkungen einer friedlichen Erforschung und Nutzung der Atomkraft. Eine Umfrage des Allensbacher Institutes für Demoskopie ermittelte im Jahr 1955 eine Zustimmung von 53% zur deutschen Atomforschung. Nur 25% äußerten sich ablehnend. Auf die Frage, in wessen Verantwortung die deutsche Atomforschung stehen sollte, sprachen sich nur 18% für einen deutschen Alleingang aus; hingegen bevorzugten 51% der Befragten eine gemeinsame Forschung mit anderen Staaten.116
Vor Ort gab es bei den künftigen Nachbarn eines Atomreaktors damals wie heute Befürchtungen und éngste. Doch Zuversicht und Stolz überwogen in der Regel. In der Planungsphase des Karlsruher Reaktors erbrachte eine ebenfalls 1955 durchgeführte EMNID-Umfrage unter ausgewählten Bürgern der Stadt eine Zustimmung von 43 Prozent für das Vorhaben. Häufigste Begründung war, daß das Projekt einen "Gewinn für die Stadt" darstelle. 34 Prozent hatten keine Meinung, nur 23 Prozent sprachen sich dagegen aus. Letztere befürchteten vor allem allgemeine Gefahren bzw. Gefahren im Kriegsfall.117 Die Bezeichnungen "Reaktor" oder "Kraftwerk" hatten sich damals übrigens noch nicht durchgesetzt. Viele verschiedene Namen waren in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre noch im Umlauf: "Uranbrenner", "Uranofen", "Uranmaschine", "Atommeiler", "Atomgenerator", "Pile". Die Vielzahl der Bezeichnungen spiegelte eine gewisse Verunsicherung wider, wie sie zunächst unter der Bevölkerung verbreitet war. So meinte die Eichstädter Volkszeitung im August 1955: "Die weiß-blauen Staatsbürger aber schwanken, wenn sie vom künftigen Atom-Meiler und von Versuchsreaktoren reden, zwischen Angst, Stolz und Gleichgültigkeit. Vom Atom wissen sie leider schon zu Schreckliches, von seinen friedlichen Möglichkeiten zu wenig."118 Der verantwortliche Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Guthsmuths, klagte: "In Karlsruhe nimmt man den Bau eines großen Atommeilers ruhig zur Kenntnis, bei uns gibt es wegen dieses kleinen Dinges so ein Theater!"119
Die deutschen Physiker bemühten sich denn auch darum, immer wieder den großen Unterschied zwischen militärischer und ziviler Atomforschung zu betonen. So hatte Professor Dr. Werner Heisenberg 1952 geschrieben: "Wir dürfen nicht wie bisher bei dem Wort Atom uns immer gleich die Bomben in den Sinn kommen lassen. Man muß sich vielmehr klar machen, daß zwischen einem Atommeiler für radioaktive Produkte und einer Atombombenfabrik ungefähr der gleiche Unterschied besteht, wie zwischen einer Penicillinfabrik und einer Giftgasfabrik."120 Mitte November 1953 warb Professor Dr. Werner Heisenberg in einem Vortrag in München für das Reaktorprojekt und betonte, "daß diese sog. Reaktoranlage für Atomforschung mit Atombombenproduktion nichts zu tun hat."121 Das bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Verkehr konnte denn auch zum Jahresende 1953 zufrieden feststellen, daß die Pläne zu "keinerlei Beunruhigung in der Bevölkerung" geführt hatten.122 In den örtlichen Zeitungen entspann sich eine vergleichsweise begrenzte Leserbriefkontroverse. Die wesentlich größere Zahl von Befürwortern des Projektes - eine statistische Befragung im Raum München fehlt leider - trennte zwischen militärischer und friedlicher Nutzung und hob die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Vorteile eines Versuchsreaktors für den Standort wie für die Bundesrepublik, hervor.
Grundlegend ablehnende Stimmen wie der im folgenden zitierte Leserbrief eines Ingenieurs aus München-Neuaubing aus dem Jahr 1954 waren hingegen die Ausnahme: "Gegen die Errichtung eines Atommeilers in München oder bei München protestierte ich mit allem Nachdruck und erwarte von mindestens 500000 Münchnern, daß sie sich diesem Protest anschließen. Zugegeben, daß der Atommeiler an und für sich harmlos ist, wenigstens zunächst, aber was sich daraus mit der Zeit entwickelt, kann man sich denken. Wenn man schon unbedingt glaubt, ohne Atommeiler nicht auskommen zu können, dann in eine unbewohnte Gegend, wo nicht fast eine Million Menschen gefährdet werden kann."123
Bei der kleineren Zahl der Skeptiker klingt immer wieder das befürchtete Risiko eines militärischen Mißbrauches des Reaktors an. Für die Seriosität des Projektes bürgte jedoch der Name des Verantwortlichen Leiters der Reaktorstation, Professor Dr. Maier-Leibnitz. Als Mitglied einschlägiger Kommissionen war er mit entsprechenden militärischen Planspielen vertraut und hatte schon früh aus seiner ablehnenden Haltung keinen Hehl gemacht. Am 12. April 1957 hatte er zusammen mit 17 weiteren deutschen Professoren, darunter dem Münchner Physiker Walter Gerlach, die "Göttinger Erklärung" gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr unterzeichnet und erklärt, sich an der Herstellung, der Erprobung und dem Einsatz von Atomwaffen in keiner Weise zu beteiligen.124 Stets war er auch darauf bedacht, den Reaktor als "durchaus unmilitärisches und nicht geheimes Objekt" zu präsentieren.125 Zur Vertrauensbildung bei der Bevölkerung trug auch seine Strategie bei, "alles, was wir falsch gemacht haben, sofort zu veröffentlichen. So konnte uns niemand entlarven."126
Aus wissenschaftlichen, aber auch aus psychologischen Gründen wurde eine breit angelegte Umgebungsüberwachung (Grundwasser, Oberflächenwasser, Staub und Regenniederschläge) durchgeführt. Der TÜV empfahl 1963 deren weitgehende Einschränkung, was den reibungslosen Betrieb und die geschwundenen Ängste der Öffentlichkeit widerspiegelt.
Auch die Studenten begrüßten die Anlage des Forschungsreaktors. Wilhelm Joesch, der 1. Vorsitzende des AStA, sandte am 18. November 1955 ein folgendes Telegramm an Ministerpräsident Dr. Hoegner: "In die verstaendliche Freude mischt sich bei den Studenten die noch groessere Bestuerzung ueber die Absicht den Meiler auf dem ohnehin knapp bemessenen Gelaende des Hochschulsportplatzes zu errichten".127 Sie waren dem Gerücht aufgesessen, daß der Reaktor am Standort des Max-Planck-Institutes beim Aumeister angelegt würde. Auch das Max-Planck-Institut beanspruchte übrigens nur einen kleinen Teil des Universitätsgeländes, so daß der Sportplatz bis heute erhalten blieb.
Von den politischen Parteien machten lediglich die Bayernpartei und die KPD gegen den Reaktor Front. Der Vorsitzende der Bayernpartei, Josef Baumgartner, wetterte gegen eine mögliche radioaktive Verseuchung Münchens und forderte dazu auf, den "gefährlichen Reaktor" bei den Preußen in Bonn oder Berlin zu bauen. Auch die KPD sah im Münchner Stadtrat in dem Reaktor "eine ungeheure Gefahr für die 800000 Einwohner Münchens". Die friedliche Nutzung der Atomkernkraft könne man erst angehen, wenn Deutschland "wirklich ein neutrales friedliches Land" sei.128
Doch SPD, CSU, und andere Fraktionen stützten im Stadtrat das Projekt. Wiederaufbaureferent Fischer machte deutlich, daß der "Liliput-Meiler" auch bei bösestem Willen nicht zu einer "Atombombenfabrik" tauge. Sein Schlußappell verhallte nicht ungehört: "Wir dürfen nicht immer den Krieg sehen, sondern auch den menschlichen Fortschritt! Wollen wir auf ewig in unserer königlich-bayerischen Ruhe verharren?"129 Bei nur 11 Gegenstimmen von BP, KPD und einem Stadtrat einer Splittergruppe wurde das Reaktorprojekt am 16. Februar 1954 mit breiter Mehrheit beschlossen. Beim Richtfest am 12. Januar 1957 meinte der Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer (SPD) zu seinem Garchinger Amtskollegen: "Der Meiler, des werd a saubere Sache, da ham's mir ja was Schönes weggeschnappt."130
Aufbruchstimmung herrschte in Garching vor. Die Bürger erwarteten sich einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Gemeinde, Kritik wurde kaum hörbar. Vor der Inbetriebnahme des Reaktors zitierte der Münchner Merkur den Bauern Sepp H. mit den Worten: "Was heißt da aufregend (...). Uns regt's mehr auf, daß der Garchinger Wirt für's Bier 45 Pfennig verlangt. Anderswo kostet's immer noch 40."131 Auch die katholische Kirche hatte keine Bedenken. Der Ortspfarrer nannte die Atomenergie "ein Geschenk Gottes"132 und fragte lediglich an, wie groß die freizuhaltende Fläche im Umkreis des Reaktors sein werde, um die seelsorgerische Planung entsprechend ausrichten zu können.133
| Der langjährige Erste Bürgermeister Josef Amon (CSU) stand voll und ganz hinter dem Projekt. In einer außerordentlichen Gemeinderatssitzung vom 16. Januar 1956 wurde einstimmig beschlossen, daß Garching eine Fläche für den Atommeiler in einem Ausmaß von 7,390 ha abtritt.134 Zusammen mit Vertretern der Landesbehörden und der Stadt München fuhr Bürgermeister Amon im Oktober 1956 in die Schweiz, um verschiedene im Bau befindliche Nuklearanlagen zu besichtigen: das Kernforschungszentrum CERN bei Genf und den Forschungsreaktor in Würenlingen bei Zürich. Bei letzterem handelte es sich um einen ebenfalls aus den USA gelieferten "Swimming pool"-Reaktor; er entsprach weitgehend dem Münchner Reaktortyp und war wie dieser für eine Nennleistung von 1 MW ausgelegt.135 Nach seiner Rückkehr bestätigte Bürgermeister Amon noch einmal, "daß irgendwelche schwerwiegenden Nachteile für die Gemeinde durch die Errichtung eines Atomreaktors in Garching nicht gegeben sind."136 Stolz nahm Garching 1967 die Silhouette der Reaktorhalle in das neue Gemeindewappen auf. Im ersten Halbjahr 1957 nahm der eiförmige Reaktorbau allmählich Gestalt an und wurde schnell zu einem weit sichtbaren Wahrzeichen und zu einem überregionalen Symbol für Forschung schlechthin.137 |
Seine Form hatte Professor Dr. Weber von den Zeiss-Planetarien abgeleitet: Die 30 m hohe, aluminiumverkleidete Halle mit einer Grundfläche von 30 m Durchmesser war in der ansprechenden Form eines Ellipsoids (halbes Ei) ausgeführt. Man hatte ästhetischen Erwägungen den Vorzug vor betrieblichen Rücksichten gegeben, denn der Kran konnte die Randzone der Kuppel nicht erreichen. Professor Dr. Maier-Leibnitz hatte ursprünglich auf Vorschlag seines Vaters eine Halle mit gewölbtem Dach, beruhend auf dem Vorbild der Luftschiffhallen, eingebracht.138 Der griffige Name "Atom-Ei" führte sicherlich zur Popularität der Anlage. Beim Richtfest am 11. Januar 1957 war der Begriff in vielen Reden verwendet worden - der Rektor der TH, Professor Ernst Schmidt, nannte das "Atom-Ei" gar das "zweite Ei des Kolumbus".139 In der lokalen und auswärtigen Presse wurde der Begriff begeistert aufgegriffen und setzte sich "blitzschnell"140 durch.
Je mehr sich das Projekt seiner Fertigstellung näherte, desto mehr verstummten die kritischen Stimmen. Rückschauend erinnerte sich Professor Dr. Heinz Maier-Leibnitz anläßlich des 25jährigen Reaktorjubiläums: "Öffentliche Aufregung gab es damals nicht. Die Zeit der Ostermarschierer und Kernkraft-Stürmer war noch nicht gekommen. Es war im Gegensatz die Zeit, als die Atomkraft freudig begrüßt wurde."141
Der neue Reaktor stieß auf großes Interesse in der Öffentlichkeit. An einem Tag der offenen Tür wurden einige tausend Besucher gezählt; für Laien fanden derartige Führungen außerhalb der Reaktorbetriebszeiten (Montag-Freitag abends, Samstag) statt.142 Die Erwartungen in die atomare Forschung und Energie hatten bisweilen skurrile Formen angenommen. So wurde 1956 ein Schweizer wegen Betruges zu über 20000 Schweizer Franken Geldstrafe verurteilt. Er hatte große Gewinne mit einer "atomgetriebenen Pommes-Frites-Maschine" gemacht.143 Professor Dr. Heinz Maier-Leibnitz erhielt 1958 den Brief eines Chemieingenieurs, der ihn aufforderte, die mächtigen Atomstrahlen in seinem Reaktor auch zur Bekämpfung von Gespenstererscheinungen einzusetzen.144 Doch auch irrationale éngste waren noch nicht ausgeräumt: So wurde einem jungen Mitarbeiter in der Umgebung die Wohnung wieder gekündigt, da der Vermieter Atomstrahlen befürchtete.
Eine großangelegte Atomdebatte setzte erst in den siebziger Jahren ein. Als Wendepunkt kann man den Bau des Kernkraftwerkes Wyhl in Baden ansetzen, wo es in den Jahren 1975/76 erstmals zu heftigen, teilweise auch gewalttätigen Protesten kam. Verschiedene Reaktorunfälle in den siebziger und achtziger Jahren (Harrisburg, Tschernobyl), das Auftreten der Atommüll-Problematik und die Gefahr der Proliferation sicherheitsrelevanter Atomtechnik in die Dritte Welt taten ein übriges. Auch der im Vergleich zu einem kommerziellen Leistungsreaktor kleine Garchinger Forschungsreaktor blieb von Protesten nicht verschont.
Bereits der Widerstand gegen den schließlich nicht realisierten Bau eines Protonen-Großbeschleunigers auf einem Viertel der Fläche des unter Landschaftsschutz stehenden Ebersberger Forstes in den Jahren 1963/64 hatte gezeigt, daß bei einem Teil der Bevölkerung in der Region München eine technik- und forschungskritische Haltung auf dem Vormarsch war.




