Ein Leben lang Neutronenforscher: Erich Steichele verstorben

Er hat das erste Neutronen-Flugzeitdiffraktometer der Welt mit einem 150 Meter langen Leiter am Atom-Ei in Garching entwickelt und die Instrumente der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz mit geplant. Jetzt ist Erich Steichele im Alter von 80 Jahren bei Bad Wörishofen gestorben.


Im Alter von 80 Jahren ist Erich Steichele jetzt verstorben. © Brigitte Hauptig

Erich Steichele präsentiert Neutronenleiter am FRM II, ca. 2003. © FRM II / TUM

Die neueste Tüftelei: Ein Designerschreibtisch von Erich Steichele (sitzend) aus Neutronenleiterelementen. © Anton Heidemann

Nach seinem Physikstudium an der damals Technischen Hochschule München und einer Doktorarbeit an der TU Darmstadt, widmete sich Erich Steichele wieder zurück an seiner Alma mater ganz dem Bau des Flugzeitdiffraktometers am Atom-Ei in Garching. Dabei leistete er Pionierarbeit, wie ihm Wissenschaftler seiner Generation bestätigen. Professsor Izabela Sosnowska aus Warschau beispielsweise baute nach seinem Vorbild wenige Jahre später ein ähnliches Messgerät am russischen Reaktor in Dubna. „Er hat die Technik der Neutronenleiter, die am Atom-Ei erfunden wurde, auf großer Skala perfektioniert“, sagt auch Dr. Thomas Keller. Keller profitierte als Diplomand am Atom-Ei von dem „Riesenwissen“ des damals rund 50-jährigen Steichele, den man „immer fragen konnte“. Die „Bestellphysik“, bei der Physiker alle Teile komplett vorgefertigt bestellen, habe der Physiker immer verteufelt. Stattdessen sprach er sich dafür aus, so viel wie möglich selbst zu bauen und konstruieren, getreu seinem Motto: „Im Einfachen liegt die Lösung.“

Tanzboden für Instrumente und gedrehte Neutronenleiter

Erich Steicheles „Kinder“ sind die ersten Instrumente des FRM II: ANTARES, REFSANS, RESEDA. „Er hat bei der Planung der Instrumente viel und uneigennützig geholfen“, sagt Dr. Thomas Keller, heute Instrumentwissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung am MLZ. Steichele kümmerte sich um die Technik, um mit Hilfe der Neutronenleiter möglichst viele Neutronen aus dem Reaktor zu den einzelnen Experimenten zu bringen und schulte die jüngeren Wissenschaftler, die ein eigenes Instrument aufbauten. „Zusammen mit Kollegen hat er entscheidende Ideen zur Auslegung der Strahlrohrnasen beigesteuert“, sagt Professor Winfried Petry, langjähriger wissenschaftlicher Direktor des FRM II und MLZ. Der erste gedrehte Neutronenleiter der Welt am MLZ-Reflektometer REFSANS geht auf Erich Steicheles Idee und Arbeit zurück. Auch den sogenannten Tanzboden, auf dem sich die tonnenschweren Geräte mit Zehntelmillimeterpräzision fortbewegen können, hat die Forschungs-Neutronenquelle Erich Steichele zu verdanken. Zunächst ließ er sich Granitproben aus Steinbrüchen aus der ganzen Welt zusenden und vermaß deren natürliche Radioaktivität. Granit aus einem Steinbruch aus Südafrika erwies sich als geeignet, da strahlungsarm. Der gebürtige Allgäuer sprach dann den in seinem Heimatort ansässigen Steinmetz an und überredete den Bad Wörishofener, südafrikanische Granitplatten präzise zu schleifen und vor allem auf Mikrometer Genauigkeit zu verlegen, berichtet Professor Dr. Winfried Petry.

Auch im Ruhestand weiter getüftelt

37 Jahre lang ging Erich Steichele „voll und ganz in der Forschung mit Neutronen auf“, wie seine Schwester Brigitte Hauptig berichtet. Zunächst am Atom-Ei und später beim Aufbau der Strahlrohre, Neutronenleiter und Instrumente an der Forschungs-Neutronenquelle FRM II, bis er 2003 in den Ruhestand ging. Ruhestand? Für Erich Steichele hieß das: Seine Firma NTK Neutronentechnische Komponenten GmbH im Heimatort Bad Wörishofen weiter zu betreiben, und mit ihr weltweit Neutronenleiter zu bauen. „Er hat immer weiter getüftelt und hatte immer wieder neue Ideen. So entstanden Mustertische, deren Glastischplatten auf Methoden zurückgreifen, die für Neutronenleiter in Garching entwickelt wurden“, erzählt die Schwester. Erst mit 72 Jahren übergab Erich Steichele seine Gerätschaften an die sich neu aufstellende Neutronenoptik des FRM II in Garching, die auch gleich den langjährigen Mitarbeiter der NTK GmbH Josef Weber und dessen Know-How übernahm. Die letzten Jahre verbrachte Erich Steichele in seinem Elternhaus in Bad Wörishofen, schon sehr gezeichnet von seiner schweren Krankheit, gepflegt von seiner sechs Jahre jüngeren Schwester und später in einem Seniorenheim. In Garching wird Erich Steichele immer in bester Erinnerung bleiben. „Die Forschung mit Neutronen, und besonders der FRM II haben Erich Steichele sehr viel zu verdanken“, sagt Professor Winfried Petry.