Ein runder Jahrestag: 20 Jahre Schichtbetrieb am FRM II

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Seit 20 Jahren arbeiten die Reaktorfahrer und Reaktorfahrerinnen der Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II) im Drei-Schichtbetrieb. Sie haben einen intensiven Arbeitsalltag mit großer Verantwortung. Ein außergewöhnlicher Beruf von der Ausbildung bis hin zum Arbeitsplatz.

Reaktorfahrer Adolf Lochinger bei Montagearbeiten der heißen Quelle im Reaktorbecken des FRM II (2001). © FRM II, TUM
Mädchen besuchen am Girlsday die Schaltwarte, den Arbeitsplatz der Reaktorfahrer. Von hier steuern und überwachen die 18 Männer und eine Frau 24/7 den FRM II. © Luisa Heyer/ FRM II
Jährlicher Expertenaustausch unter Reaktorfahrern und Schichtleitern des Kernkraftwerks Isar und dem FRM II. Adolf Lochinger ist der zweite von links. © FRM II/ TUM

Bei Adolf Lochinger sitzt jeder Handgriff, wenn er die schwere Schleuse zur Reaktorhalle, dem Herzstück des Forschungsreaktors öffnet. Er ist Operateurgruppenleiter von 18 Reaktorfahrern und einer Reaktorfahrerin und schon seit 29 Jahren am FRM II im Bereich Betrieb dabei. Im Jahr 1995 beendete er seine Ausbildung zum Reaktorfahrer, damals noch am sogenannten Atom-Ei (FRM alt) und ist seit 2001 Schichtleiter am FRM II.

Ausbildung zum Reaktorfahrer
Bei dem Wort „Reaktorfahrer“ kommt einem vielleicht Homer Simpson in den Kopf (wie er seine Donuts in der Schaltwarte isst), aber mit dem tollpatschigen Reaktormitarbeiter haben die Reaktoroperateure des FRM II außer der Berufsbezeichnung rein gar nichts gemeinsam. Um in einer der modernsten und sichersten nuklearen Anlagen weltweit arbeiten zu können, müssen Reaktorfahrer nach abgeschlossener Berufsausbildung und gesammelter Berufserfahrung in einem technischen Bereich wie beispielsweise Elektronik oder Verfahrenstechnik noch zusätzlich eine ca. zweijährige Ausbildung durchlaufen, in der sie den FRM II in großer Detailtiefe kennenlernen und die Bedienung all seiner Systeme einüben. „Man muss schon sehr technikverliebt sein und jeden Tag neue Herausforderungen suchen“, sagt Lochinger über die Ausbildung. Um ihr großes fachliches Wissen auf dem neuesten Stand zu halten, nehmen alle Mitarbeitende jährlich an einer verpflichtenden Schulung zum Fachkundeerhalt in technischen und sicherheitstechnischen Themen teil.

Schaltwarte: Arbeitsplatz der Reaktorfahrer
Der Arbeitsplatz der Reaktorfahrer, auch Schaltwarte genannt, befindet sich im Keller des Reaktorgebäudes und liegt in unmittelbarer Nähe zu ihrem Einsatzort. Die Schaltwarte ist die Leitstelle des Reaktors, von wo aus er gesteuert wird. Zu den Aufgaben der Reaktorfahrer gehören erst einmal das sichere Reaktorfahren, also beispielsweise das Steuern des Regelstabs. Des Weiteren das Überwachen und Warten verschiedener Systeme in der Anlage, wie Kühlkreisläufe, aber auch Geräte und Spezialwerkezeuge für Arbeiten im Reaktorbecken. Die Reaktorfahrer überwachen also die Gesamtanlage und sorgen somit für Sicherheit für Menschen, Umwelt und Natur. Obwohl alle im Team bestens mit den verschiedenen Systemen vertraut sind, hat jedes Mitglied eine besondere Rolle inne. Die meisten haben nämlich ihr Spezialgebiet, also ein System, dass sie besonders gut kennen und intensiv betreuen. Wichtig ist es, die Erfahrungen und Kenntnisse bei jedem Schichtwechsel auszutauschen. So bilden sie ein perfekt aufeinander abgestimmtes Team. Unter den insgesamt etwa 120 Mitarbeitenden des Reaktorbetriebs herrscht eine hochprofessionelle und zugleich kameradschaftliche Arbeitsatmosphäre.

Seit 20 Jahren im Drei-Schichtbetrieb
Nicht nur die Ausbildungsanforderungen, auch die Personalstärke sind in offiziellen Regularien festgelegt. Für den FRM II bedeutet das, dass die Schaltwarte stets mit mindestens zwei (Anlagenstillstand) oder drei Personen (Leistungsbetrieb) besetzt sein muss. Um das sicherzustellen, arbeiten die Reaktorfahrer seit 2003 im sogenannten Drei-Schicht-Betrieb. Eine reguläre Schicht dauert insgesamt acht Tage. In der Regel startet sie mit einer Tagschicht, in der sich der oder die Mitarbeitende auf den aktuellen Stand der anstehenden Aufgaben bringen kann. Dann folgen zwei Frühschichten, zwei Spätschichten und schließlich zwei Nachtschichten. Im Anschluss folgen ein paar freie Tage. Zu den Arbeitstagen gehören auch Feiertage und Wochenenden.
Insgesamt sind sechs vollständige Schichten und zwei zusätzliche Schichtleiter erforderlich, um all die Anforderungen zuverlässig und 24/7 zu erfüllen.

Loyalität gegenüber der Anlage
Der diensthabende Schichtleiter hat, in Abwesenheit der Betriebsleitung, uneingeschränkte Befugnisse am Forschungsreaktor und genießt daher ein ganz besonderes Vertrauen. Als Schichtleiter gibt Lochinger alle im weitesten Sinne mit dem Betrieb des FRM II zusammenhängenden Arbeiten frei. Vor allem für das Eigenpersonal, aber auch beispielsweise die Erlaubnis für Fremdfirmen, Arbeiten zu verrichten. Der Schichtleiter hat das letzte Wort und entscheidet, ob die Arbeiten mit den aktuellen Sicherheitsanforderungen vereinbar sind. Lochinger und sein Team prüfen auch selbst, dass jeder Knopf und jedes Ventil in der Anlage richtig eingestellt sind. „Der Schichtleiter ist die letzte Bastion der Sicherheit“, sagt Lochinger.

Reaktorfahrer, ein außergewöhnlicher Beruf
Dank der jahrelangen Erfahrung kennen Lochinger und seine Kollegen den Reaktor in- und auswendig. Und trotz all der Routine - die Faszination an der Arbeit bleibt bestehen. „Ich erinnere mich noch daran, als wir alles hier aufgebaut haben. In dem riesigen leeren Reaktorbecken zu stehen und die Gerätschaften einzubauen, solche Momente vergisst man nicht“, so Lochinger. „Wir arbeiten daran, dass auch in Zukunft junge Menschen diesen faszinierenden Beruf hier an der Neutronenquelle (FRM II) für sich entdecken.“